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DIE CHEMISCHE SUPERMACHT


Deutschland war und ist eine chemische Supermacht. Die Reihe der chemischen Entdeckungen der Deutschen ist beinahe endlos. Einige stechen besonders hervor. Harnstoff, chemisch CH4N2O, ist eine organische chemische Verbindung, die der holländische Chemiker Herman Boerhaave 1727 bei der Untersuchung des Urins entdeckt hatte. Lange Zeit galt das parareligiöse Dogma, wonach Produkte von Lebewesen nicht künstlich erzeugt werden können. Der deutsche Chemiker Friedrich Wöhler bewies das Gegenteil, als er 1828 Harnstoff künstlich synthetisierte.

Weltberühmt ist auch das nach Fritz Haber und Carl Bosch benannte großindustrielle Haber-Bosch-Verfahren zur chemischen Synthese von Ammoniak. Dieses Verfahren ist die Grundlage zur Erzeugung von Kunstdünger, was an der Verbesserung der Welternährung mindestens einen so großen Anteil hatte wie die klassische Züchtungsgenetik.

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts griff der deutsche Chemiker Felix Hoffmann im Bayer-Stammwerk die Idee eines englischen Chemikers auf und veränderte Morphium chemisch zu Diacetylmorphin. Dieser Wirkstoff erwies sich als ein sechsmal so starkes Schmerzmittel wie Morphium. Da die Anwendung in erster Linie für verletzte Soldaten vorgesehen war, wurde dieses "Morphin for heroes" gesetzlich geschützt und kam unter dem Namen "Heroin" auf den Markt. Der Rest ist Geschichte.

Einer der berühmtesten deutschen Chemiker war Emil Adolf Behring (ab 1901 Emil von Behring). Er war der erste Träger des Nobelpreises für Physiologie und Medizin. Als Immunologe und Serologe arbeitete Behring in einem Grenzbereich von Chemie und Biologie, der heute als Biochemie bekannt ist. Seine Arbeiten an der Serumtherapie begann Behring 1890 mit dem Japaner Shibasaburo Kitasato. Die Studie "Über das Zustandekommen der Diphtherieimmunität und der Tetanusimmunität bei Thieren" gilt heute als Grundlage der Serumtherapie. 1891 wurde das aus dem Serum von Schafen gewonnene Diphtherieserum erstmals bei zwei erkrankten Kindern eingesetzt. Die Therapie war wegen zu geringer Dosierung erfolglos, stellte sich später aber als richtig heraus.

Aufgrund seiner Erfolge bei der Entwicklung von Heilmitteln gegen Diphtherie und Wundstarrkrampf (Tetanus) wurden ihm von der Bevölkerung und der Presse die Ehrentitel "Retter der Kinder" und "Retter der Soldaten" verliehen. Das Tetanusheilserum kam besonders bei Verwundeten des Ersten Weltkriegs zum Einsatz. Behring wurde mit Ehrungen überhäuft, darunter auch das von Kaiser Wilhelm II überreichte Eiserne Kreuz.

Emil Adolf von Behring erkrankte 1916 schwer und starb vor 100 Jahren, am 31. März 1917 in Marburg.




© 2017 Rudolf Öller, Bregenz